Die falsche Zeugin by Karin Slaughter

Die falsche Zeugin by Karin Slaughter

Autor:Karin Slaughter
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783749951000
Herausgeber: HarperCollins


MITTWOCH

10

Leigh schaute auf die Uhr. Es war genau acht Uhr morgens, und der Berufsverkehr verstopfte bereits die Straßen. Sie saß wieder am Steuer ihres Audi, aber zum ersten Mal seit Tagen hatte sie nicht mehr das Gefühl zu ertrinken. Leighs Erleichterung lief Callies Entdeckung auf dem Dachboden eigentlich zuwider, aber Andrew hatte ja bereits klargemacht, dass er die genauen Einzelheiten von der Ermordung seines Vaters kannte. Was Leigh nicht gewusst hatte – und was sie an den Rand des Wahnsinns getrieben hatte –, war, woher er es wusste. Jetzt, da sie Klarheit darüber hatte, war Andrew eines Teils seiner Macht über sie beraubt.

Dass es Callie war, der Leigh diesen Ansatzpunkt verdankte, machte es noch schöner. Die Bemerkung ihrer Schwester, dass Andrew ja wohl kein geheimes Drohnengeschwader am Himmel gehabt hatte, hatte in Leighs Kopf etwas zum Klicken gebracht. Mit achtzehn war sie bedauernswert ahnungslos gewesen, was die Grundlagen eines Hausbaus betraf. Es gab Wände und Böden, und irgendwie kam das Wasser in den Hahn und der elektrische Strom in die Lampen. Sie hatte noch nie in einem engen Raum herumkriechen müssen, um das Hauptventil zu suchen, mit dem man das Wasser abstellte, weil ihr Mann ausgerechnet an diesem Wochenende seine Mutter besuchen musste. Und sie hatte noch nie Weihnachtsgeschenke auf dem Dachboden versteckt, damit ein sehr neugieriges und sehr schlaues kleines Mädchen sie nicht fand.

Seit dem Moment, als Andrew wieder in ihr Leben geplatzt war, war Leigh jene Schreckensnacht ein ums andere Mal durchgegangen, um herauszufinden, was sie übersehen hatten. Bis zu dem Augenblick auf den Schaukeln war ihr nie in den Sinn gekommen, dass sie überallhin gesehen hatten, nur nicht nach oben.

Danach gab es keine Überraschungen mehr. Während der Highschool hatte Leigh jedes Jahr im Weihnachtsgeschäft in der Audio/Video-Abteilung bei Circuit City gearbeitet. Sie waren auf Provisionsbasis bezahlt worden, also hatte Leigh ein enges Shirt getragen und das Haar toupiert, um die glücklosen Männer anzulocken, die auf den letzten Drücker nach einem teuren Geschenk für ihre Frauen suchten, das sie in Wirklichkeit selbst gebrauchen konnten. Sie hatte Dutzende Camcorder verkauft. Dann hatte sie Aufbewahrungsboxen, Stative, Kabel, Ersatzbatterien und Videokassetten verkauft, denn die Minikassetten in der Kamera verfügten nur über eine Aufnahmedauer von rund neunzig Minuten, danach musste man den Inhalt entweder löschen oder anderswo speichern.

Callie hatte mehrere Fotos von Buddys Geräteaufbau auf dem Dachboden gemacht, aber Leigh hatte ohnehin genau gewusst, wie es aussah, schon bevor ihre Schwester wieder heruntergeklettert war. Das RCA-Kabel war an einem Ende mit der Kamera verbunden und am anderen mit dem Videorekorder. Man drückte einen Knopf an der Kamera, dann drückte man Record am Videorekorder, und alles wurde aufgezeichnet. Callies Fotos hatten eine weitere verschüttete Erinnerung bei Leigh zutage gefördert: wie sie die Fernbedienung in Buddys Hosentasche gefunden hatte. Sie hatte sie so heftig über den Boden gepfeffert, dass das Batteriefach abgebrochen war.

Buddy war aber nicht den ganzen Tag mit der Fernbedienung in der Hosentasche herumgelaufen. Er hatte sie absichtlich eingesteckt, so wie er absichtlich die Minikassette der Kamera von der Hausbar in der Schachtel Black & Mild versteckt hatte.



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